Lexikon: Natur

 

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Der Begriff Natur (Latein|lat.: natura, von nasci = entstehen, geboren werden) wird in verschiedenen Gesellschaften und oft auch innerhalb einer Gesellschaft unterschiedlich und teilweise widersprüchlich verwendet. Natur ist nicht leicht zu definieren.

Natur als Gegenbegriff zur Kultur

Unter Natur wird heute in westlichen Kulturkreisen im Allgemeinen das bezeichnet, was nicht vom Menschen geschaffen wurde. Natur ist bei dieser vorherrschenden Auffassung das Gegenteil von Kultur. Objekte der Natur sind nach dieser Auffassung z.B. Stein|Steine, , , Landschaft - ob der Mensch selbst zur Natur gehört oder nicht, ist bereits nicht mehr gesellschaftlicher Konsens. Man unterscheidet dabei zwischen belebter Natur (z.B. Tier, Pflanze) und unbelebter Natur (z.B. Steine).

Naturereignisse, Naturerscheinungen sind unter anderem Regen oder Gewitter, das Klima insgesamt. Dass auch diese natürlichen Phänomene längst nicht mehr von der Kultur des Menschen unbeeinflusst sind, passt nicht zu dieser tradierten Auffassung. Der menschliche Umgang mit der Natur wird immer häufiger zum Gegenstand einer Kritik an der Kultur, an Gesellschaftssystemen oder Regierungen.

Heute stellen sich in dieser Hinsicht mehr denn je ethische Fragen: Umweltverschmutzung und ökologische Probleme, dazu die Knappheit der Rohstoffe sind die Folgen einer jahrelangen Ignoranz gegenüber natürlichen Werten. Ereignisse, die der Mensch nicht in den Griff bekommt, wie Erdbeben, Vulkanausbrüche und ähnliches, sind im menschlichen Maßstab Katastrophen und erzeugen . Die Forderung nach Eingriffen in das Naturgeschehen zum Schutz vor solchen Naturgefahren steht im Gegensatz zu der genannten Kulturkritik. Heute weiß man: Die Natur ist zerstörbar und kann sich aus eigener Kraft in manchen Bereichen nicht erneuern.

In unserem Sprachgebrauch vorhandene Wendungen wie "natürlich" (selbstverständlich) oder "in der Natur der Sache" verweisen auf die elementare Bedeutung des Begriffs Natur. Bereits in der Romantik war ein grosses Interesse an der Natur - in Verbindung mit einer gesteigerten Hinwendung zu Innerlichkeit und Gefühlen - als Gegenbewegung zur Industrialisierungentstanden.

Natur als philosophischer Begriff

Der umgangssprachliche Gebrauch von "natürlich" oder "unnatürlich" und Ausdrücke wie "es liegt in der Natur der Sache" weisen auf eine erweiterte Bedeutung hin. Möglich sind hier Deutungen wie "von der Natur gegebenen", Bestimmung.

Augustinus von Hippo unterscheidet zwischen einer "materialen" und einer "formalen" Definition der Natur. Für ihn ist Natur Wesen (Philosophie)|Wesen (essentia) und (substantia).

Probleme der Definition von "Natur"

Als philosophischer Begriff (siehe Philosophie und Naturphilosophie) ist das, was natürlich (der Natur entstammend) und was nicht natürlich ist, vom Verhältnis der Menschen zu ihrer geprägt. In diesem Zusammenhang steht "Umwelt" für das "Nicht-Ich", das außerhalb des Ego des Menschen ist.

Der Begriff Natur ist nicht wertfrei, so wird auch von Naturkatastrophen, Naturgefahren oder Ähnlichem gesprochen. Natur wird zur menschlichen Existenz in Beziehung gesetzt. Diese Verhältnis ist vor allem durch emotional, ästhetisch und Religion|religiös wertende, normative Einstellungen bestimmt (Oldemeyer 1983).

Natur als Nutzgegenstand

Nach bzw. neben dem anthropomorphen Naturverhältnis der Frühgeschichte|Frühzeit, und dem biomorphen Verhältnis der und des fernen Ostens, bildete sich durch die alttestamentliche Überlieferung im lichen Europa das technomorphe Naturverhältnis. Es gab dem Menschen gleichzeitig Beherrschungs- und Bewahrungsauftrag. Die Natur außerhalb der Städte erzeugte eher Angst.

In der Aufklärung wurde die Natur dann vollständig dem Menschen zu seinen Zwecken nutzbar untergeordnet. Diese technisch-utilitäre Einstellung wurde in der Romantik als Perversion|Pervertierung des "Naturzustandes" aufgefasst und Natur sentimental gesehen, ohne jedoch die Trennung zwischen Mensch und "göttlicher Natur"(Hölderlin) zu überwinden. Es manifestierte sich ein Verständnis, das die "Natur als Gegenbegriff zur menschlichen Kultur und als einen sich selbst definierenden, untermenschlichen Gegenstand menschlicher Nutzung sah und teilweise noch sieht", und zwar als "Grundlage und Rechtfertigung für eine hemmungslose Ausbeutung ohne normative Beschränkungen" (Oldemeyer, 1983).

Integratives Naturverständnis

Erst gegen Ende des 19. Jh. wurde maßgeblich durch Ökologie und Kybernetik die Natur als selbst–regulatorisches System begriffen. Es entstand das "Wir-Welt-Verhältnis" (Oldemeyer, 1983).

Mit der Popularisierung der forschung gewinnen seit den 80er Jahren des 20.Jh. mehr Menschen in den Industriestaaten die Einsicht, dass Natur nicht als Ganzes zu begreifen ist, sondern nur als ein offenes System, dessen Teil auch der Mensch mit seiner Kultur ist (integratives Verhältnis) (Oldemeyer, 1983). Dies wird z. B. auch in der Definition der Arbeit (Soziologie)|Arbeit deutlich, die die Gesellschaft und die Natur im Systemzusammenhang nennt, wobei die Arbeitsprozesse vermittelnde Elemente und Abläufe sind, die die Menschen wegen ihrer divergierenden Ziele nur offen gestalten können.

Abgeleitet davon wäre z.B. die Stadt, eine Kulturleistung des Menschen, als "zweite Natur" anzuerkennen. Die Stadt als Habitat (Lebensraum) des Menschen, die wir uns zunehmend lebensunwerter gestalten, erzeugt damit einen Bedarf nach einem diffusen Ideal von "wilder" oder "unberührter" Natur, nach Erholung. Dabei wird schlicht übersehen, dass auch vom Menschen stark überformte Bereiche (schützenswerte) Natur beinhalten. Diese integrative Naturauffassung schlägt sich aber in Fachkreisen, z.B. im Naturschutz, in der Ökologie, Stadtökologie etc., bereits nieder. Ludwig Klages bezeichnet als "zweite Natur" die rational durchformte bzw. geistdurchsetzte Landschaft.

Natur in der Wissenschaft

Als Natur im wissenschaftlichen Sinne bezeichnet man alles was existiert und sich der Beobachtung bzw. Wahrnehmung nicht entzieht.

Mundartliche und regionale Verwendung

Im Österreichische Sprache|Österreichischen wird Natur auch als Synonym für Sperma oder die verwendet.

Zitate

  • Natur, adjective (formaliter) genommen, bedeutet den Zusammenhang der Bestimmungen eines Dinges nach einem innern Princip der Kausalität|Causalität. Dagegen versteht man unter Natur substantive (materialiter) den Inbegriff der Erscheinungen, so fern diese vermöge eines innern Princips der Causalität durchgängig zusammenhängen. Im ersteren Verstande spricht man von der Natur der flüssigen Materie, des Feuers etc. und bedient sich dieses Worts nur adjective; dagegen wenn man von den Dingen der Natur redet, so hat man ein bestehendes Ganzes in Gedanken.
Immanuel Kant
  • Die Natur verhält sich seltsam. Sie lebt gefährlich. Aber sie tänzelt so geschickt herum, dass sie dem fatalen K.o.-Schlag eines logischen Paradoxons auszuweichen vermag.
Brian Greene
  • Diese Gurke ist bitter. Nun so wirf sie weg. Hier sind Dornengesträuche am Weg. Weiche ihnen aus. Das ist alles. Frage nicht noch: Wozu gibt es solche Dinge in der Welt? Sonst würde dich ein Naturkundiger auslachen, gleichwie der Tischler und der Schuster dich auslachen würde, wenn du's ihnen zum Vorwurf machen wolltest, daß du in ihren Werkstätten Hobelspäne und Lederreste wahrnimmst. Und doch haben diese Leute noch einen Ort, wo sie dergleichen hinwerfen können. Die Allnatur aber hat außerhalb ihres eigenen Kreises nichts. Das ist gerade das Bewundernswerte an ihrer Kunstfertigkeit, daß sie in ihrer Selbstbegrenzung alles, was in ihr zu verderben, zu veralten und unbrauchbar zu werden droht, in ihr eigenes Wesen umwandelt und eben daraus wieder andere neue Gegenstände bildet. Sie bedarf zu dem Ende ebensowenig eines außer ihr befindlichen Stoffes, als sie eine Stätte nötig hat, um das Morsche dorthin zu werfen. Sie hat vielmehr an ihrem eigenen Raum, ihrem eigenen Stoff und an ihrer eigenen Kunstfertigkeit genug.
Marc Aurel



Literatur

  • Großklaus, Götz / Oldemeyer, Ernst (Hrsg.): Natur als Gegenwelt - Beiträge zur Kulturgeschichte der Natur. Loeper Verlag GmbH, Karlsruhe 1983.
  • Wilson, Edward O.: Die Zukunft des Lebens. Berlin 2002 ISBN 3-88680-621-9
  • Greene, Brian: Der Stoff, aus dem der Kosmos ist. München 2004 ISBN 388680738X
  • Adrogans, A.E.: Natura – von Ursprüngen und Gefährdungen. In ders.: Marc Aurel als Kompassnadel – Lebenskunst in der Weltgesellschaft. Norderstedt 2004. ISBN 383341703X


Weblinks

Siehe auch: Naturwissenschaften, Naturphilosophie, , Naturgesetz, Naturgeschichte,

Kategorie:Natur Kategorie:Naturschutz

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